“Es sind für österreichische Hörweisen sehr humorvolle aber gleichzeitig radikal hermetisch verortete Kompositionen die in ihrem Spannungsfeld der allgemeinen Lautstärken sehr feinfühlig Verortungen vornimmt und dabei den Hörer in den Akt der Musikgestaltung aufnimmt.”  

ORF Zeit-Ton

  

 

BIBLIOGRAPHY

 

 
 

Writings by MJ Elia (selection)

Marios Joannou Elia, The Concept of Polymediality: Literary Sources as an Inherent Polymedial Element of Music (Mainz: Schott Music, 2016, in print).

Marios Joannou Elia, Beobachtungen an den Aventures von György Ligeti (Observations on Aventures by György Ligeti) (2016, in print). 

Marios Joannou Elia, Zeitgenössische Musik im Kontext von Polyästhetik und Polymedialität (Contemporary Music in the Context of Polymediality and Polyaesthetics) (Mainz: Schott Music, 2016). [Read Online] [Visit Schott]

Marios Joannou Elia, Polymediality as a Concept: The multimedia symphony autosymphonic (orig. Polymedialität als Konzept – Die Multimediasinfonie autosymphonic), in: Ästhetik des Vorläufigen: Skizze – Entwurf – Probe, ed. by Thomas Hochradner and Sabine Coelsch-Foisner, Reihe Wissenschaft und Kunst (Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2014), in German. [Buy Book/eBook]

Marios Joannou Elia, Polymedialität als Konzept (The Concept of Polymediality), in: Horst Hamann, Autosymphonic, p. 27-39 (Mannheim: Edition Quadrat, 2012).

Marios Joannou Elia, Portfolio of Compositions with Accompanying Commentary (London / British Library: EThOS Electronic Library, 2010), in English. [Visit British Library]

 

Marios Joannou Elia: Publication (ed. Thomas Hochradner) by Winter Verlag, Heidelberg, 2014

Marios Joannou Elia, Portfolio of Compositions with Accompanying Commentary (Southampton: University of Southampton, 2010), in English. [Visit ePrints Soton]

Marios Joannou Elia / Michaela Schwarzbauer, Klingende Szenen. Collagen über Mozart (Sounding Scenes: Collages and Mozart), Article in: Musikerziehung (Vienna: AGMÖ – Arbeitsgemeinschaft  Musikerziehung Österreich, 2007).

 

IN THE SPOTLIGHT 1

Zeitgenössische Musik im Kontext von Polyästhetik und Polymedialität

by Marios Joannou Elia, Schott Music, Mainz 2016 (in German).
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Die gegenwärtige Situation fachübergreifenden Komponierens und die Suche nach »neuen« Musiktheaterkonzepten, die an die Grenzbereiche des Musiktheaters vorstoßen, bilden den Ausgangspunkt des vorliegenden Aufsatzes. Die Frage ist, wie die Musikästhetik von zeitgenössischen Kompositionen in einem polymedialen Kontext zu betrachten ist. Damit sind intermedial funktionierende Werke gemeint wie die Oper in vier Akten Die Soldatenvon Bernd Alois Zimmermann (1958–60) oder die »szenische Illusion in einem Aufzug« Die Erschöpfung der Welt von Mauricio Kagel (1976–78). Bemerkenswert ist, dass der Komponist hier die Verantwortung einer festgelegten polymedialen Komposition übernimmt. Anhand von komponierten Vorlagen, üblicherweise einer Partitur, ist über den Aspekt der zusammenhängenden Interaktion im »Repertoire« der Stücke, das Musik und außermusikalische Elemente zusammenbringt, nachzudenken. Exemplarisch werden dazu Werke des 20. und Anfang 21. Jahrhunderts einbezogen, um darzustellen, wie die Erweiterung des kompositorischen »Repertoires« zustande kommt. Die Hauptthese des Aufsatzes ist, dass polymedialen Werken eine »zusammengesetzte« Musikästhetik zugrunde liegt. Die polymediale Darstellungsform der Musik ist vom Komponisten konzipiert und zu einem zusammengesetzten Ganzen strukturiert. … [Read More]

 

  

Elia, Marios Joannou: »Zeitgenössische Musik im Kontext von Polyästhetik und Polymedialität«, Schott Music, Mainz 2016

  

Writings about MJ Elia (selection)

The Music of Marios Joannou Elia, Ed. by Matthias Röder (Harvard University), Articles by Michaela Schwarzbauer, Hermann Jung, Andi Schoon, Julia Hinterberger, Konstantinos D. Kakavelakis, Vera Grund, Christian Jung, Eleni Pilla, Marios Joannou Elia (in preparation).

Vera Grund, Between Freedom and Determination: Marios Joannou Elia’s Music for Guitar, in: Perspectives of New Music, Vol. 53, Nr. 2, ed. by Robert Morris, Hohn Rahn (Seattle, WA, 2015). [Pre-Order Book] [Buy from JSTOR]

Andi Schoon, Geräusch als Spektakel. Zu den plurimedialen Kompositionen von Marios Joannou Elia (Noise as Spectacle: On the Plurimedial Compositions of Marios Joannou Elia), in: Neue Zeitschrift für Musik, p. 56-59 (Mainz: Schott Music, 1/2014). [Read Article]

Georgios Pervolarakis, Staubzucker by Marios Joannou Elia: a chronicle of Staubzucker by the members of the Miscelanea Guitar Quartet, reviews, the significance of the piece for the classical guitar literature (Universität Mozarteum Salzburg: F-968, 2014). [Borrow Book]

Michaela Schwarzbauer, Aqaunauten und Staubzucker – eine Hommage an Wolfgang Roscher von Marios Joannou Elia, in 25 Jahre Internationale Gesellschaft für Polyästhetische Erziehung. Erfahrungen und Perspektiven, ed. by Gerhard Hofbauer, Michaela Schwarzbauer, p. 207-208 (Munich: Musikverlag Bernd Katzbichler, 2013).

Vera Grund, “All songs have become ill” – Marios Joannou Elia’s music for guitar: Between freedom and determination, in: CD Booklet “Staubzucker – Guitar Music in Ensemble Formations” (London/Heidelberg: Aesthis Records, 2013).

Horst Hamann (ed.), Autosymphonic (Mannheim: Edition Quadrat, 2012). [Buy Book]

Joachim Grafen, “Der starke Sang des leichten Motors” (The Powerful Song of Gentle Engines), in: autosymphonic’s program book, p. 21-31 (Mannheim: m:con, 2011).

“Mut gehört zur Kunst dazu”Hochkultur als Bürgerevent: die “autosymphonic”, in: m:convisions, Edition 11, p. 42-49 (Mannheim: m:con, 2011).

“Art also requires courage” – High Culture as a People’s Event: The “Autosymphonic”, in: m:convisions, Edition 11, p. 10-11 (Mannheim: m:con, 2011).

Susanne Kling, Marios Joannou Elia: Polymedialität als Konzept. Musik im Dialog mit aussermusikalischen Medien (Marios Joannou Elia: Polymediality as a Concept: Music in Dialogue with Non-Musical Media), in: autosymphonic’s program book, p. 32-33  (Mannheim: m:con, 2011).

Andi Schoon, Geräusch als Spektakel. Zu den plurimedialen Kompositionen von Marios Joannou Elia (Noise as Spectacle: On the Plurimedial Compositions of Marios Joannou Elia) (Bern: University of Applied Sciences, 2011).

Giorgio Tzimurta, Water Stories. Das Element des Schicksals, in: program book of Zyprischer Frühling, p. 12-13 (Berlin: Kulturabteilung der Botschaft der Republik Zypern, 2010).

 

Marios Joannou Elia - AUTOSYMPHONIC, Ed. by Horst Hamann (Mannheim: Edition Quadrat, 2012).

VERTUMNUS at the Biennale of Young Creators, in: Cyprus Today, Bd. XLVII, Nr. 3, Ed. Juli – September, p. 58-60 (Nicosia: Ministry of Education and Culture, 2009).

Michaela Schwarzbauer, Wem lausch ich und wen hör ich? – Die Gestalten der Sirenen im Spannungsfeld zwischen Verheißung und Verführung, Vortrag im Rahmen des Symposion “Die Künste zwischen Tugend und Sünde” des Interdisziplinären Zentrums Metamorphisher Wandel in den Künsten (Salzburg: unpubl. manus.,  2008).

Peter Kraml, Warum Staubzucker, das Gegenteil und der Vorteil (ORF Radio, unpubl. manus., 2008).

Peter Kraml, Elia – Genauso wie die Ilias. An den Klippen der Küste. Erinnerungsfüllsel. Erkrankung als Entzauberung versus Entzauberung als Erkrankung (ORF Radio, unpubl. manus., 2008).

Peter Kraml, Staub/Zucker – Marios Joannou Elias Staubzucker für Gitarrenquartett (ORF Radio, unpubl. manus., 2008)

Gudrun Petruschka, Marios Joannou Elia – Ein Komponistenporträt, Diplomarbeit (Munich: Hochschule fuer Musik und Theater, 2007).

Michaela Schwarzbauer, “Im Spiegel” – Konzept einer Musiktheateraufführung in Zusammenarbeit mit Gymnasialschülern und Studenten, In: Michaela Schwarzbauer (ed.): Konflikt und Harmonie, p. 217-231 (Frankfurt: Peter Lang, 2003). 

 

  

IN THE SPOTLIGHT 2

Geräusch als Spektakel: Zu den plurimedialen Kompositionen von Marios Joannou Elia 

by Prof. Dr. Andi Schoon, Bern University of Applied Sciences 2011 (in German).
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„Das Spektakel ist das Kapital in einem solchen Grad der Akkumulation, dass es zum Bild wird.“ So schrieb der französische Autor und Filmemacher Guy Debord 1967 in seiner beißenden Klageschrift „Die Gesellschaft des Spektakels“. Die fortwährende Inszenierung visueller Erlebnisse dient in seiner Argumentation dazu, unsere fundamentale Traurigkeit zu überdecken. Wir lachen über die willkommene Ablenkung, um nicht angesichts der tatsächlichen Verhältnisse in Tränen auszubrechen. Die vermeintliche Kollektivität der Erfahrung steht der realen Vereinzelung des Kosumenten im beschleunigten Stillstand des Alltags gegenüber.

Freilich lässt sich das Wesen des Spektakels auch ganz anders lesen: als ekstatische Augenweide und als Moment der Befreiung, in welchem die Hierarchien zwischen Bühne und Zuschauerraum, zwischen Akteuren und Publikum verschwimmen.  

Marios Joannou Elia schreibt spektakuläre Musik. Er verwendet Alltagsgeräusche – und mit besonderer Vorliebe: Verkehrsmittel – als kompositorische Elemente. Fahrräder, Motorräder, Schiffsteile, Flugzeuge und vor allem Autos rasseln, scheppern und hupen sich durch einen Großteil seines Werks. Er lässt seine Stücke an unüblichen Orten aufführen, oft außerhalb des klassischen Konzertbetriebs. Doch sind es nicht die staubigen Galerien und Kulturhinterhöfe, die ihn reizen, sondern Orte von besonderem Glanz: aufwändig gestaltete Abflughallen und Autohäuser, festlich beleuchtete Denkmäler und Festplätze. Berührungsängste mit der kommerziellen Eventkultur sind ihm fremd; er sucht und zelebriert die Anknüpfungspunkte sogar.

Was will uns dies bedeuten? Eine essayistische Annäherung über fünf Kompositionen:

1. Das Spektakel 

„Autosymphonic“ (2011): 80 PKWs und 250 Musiker spielen im September 2011 zum 125. Geburtstag des Automobils auf. Die Stadt Mannheim begeht die glorreiche Erfindung ihres stolzen Sohns Carl Benz. Schauplatz des multimedialen Open-Air-Events ist der Friedrichsplatz, laut Pressemitteilung „eine der schönsten Jugendstilanlagen Europas“. Dort „erwartet Sie ein einmaliges Erlebnis mit Gänsehautgarantie“.

In den Monaten vor der Uraufführung spielt Elia das Spiel meisterlich mit: „Für mich ist ein Ferrari gerade so gut wie eine Stradivari“, gibt er den Journalisten zu Protokoll. Beim Neujahrsempfang, der wie ein Teaser zum eigentlichen Event inszeniert ist, sitzt er im schwarzen Anzug mit rot abgesetzten Ärmeln in der ersten Reihe. Hinter ihm lauschen 2.300 Zuhörer dem „Autotrio“ für Mercedes-Benz E200 CGI Cabrio, Aero 6218R und Benz Patent-Motorwagen.

Elia hält Pressekonferenzen mit dem Oberbürgermeister ab. Er lässt sich bei der Klangrecherche an verschiedenen Automobilen filmen, auch beim Casting von Halbwüchsigen, die durch Studierende der Mannheimer Popakademie in Trommel-Workshops angeleitet werden. Er spricht in druckreifen Werbebotschaften, die am nächsten Tag genau so in der Lokalpresse stehen. Kurzum: Elia ist ein Profi, und „Autosymphonic“ ist ein Alptraum für jeden Kulturkritiker. Und doch kommt man nicht umhin, festzustellen: Da sitzen Tausende von Menschen, die vermutlich keine Ahnung haben, wer Arnold Schönberg sein könnte, und lassen sich in Abendgarderobe von atonalen Klängen bezaubern.

Angesichst dessen stellt sich mitnichten die Frage, ob Elia ein solches Event mittragen dürfe. Die Herausforderung ist nicht ethischer, eher logistischer Natur, denn seine Treibfeder steht fest: „Autosymphonic“ ist der Versuch, ein grosses Publikum an zeitgenössische Musik heranzuführen. Musikalische Vereinfachungen gibt es bei ihm nicht. Aber er verpackt die Klänge so, dass sie ohne akademisches Vorwissen Freude bereiten können.

2. Die Räume 

„Die Jagd“ (2008): Die „Schwabengarage“ ist eines der größten Autohäuser Deutschlands. In der riesigen Eingangshalle lässt Elia „Die Jagd“ aufführen: eine „Naturoper mit sechs Autos“, allesamt Luxuswagen, die vom Veranstalter zur Verfügung gestellt wurden. Die ARD-Tagesthemen berichten.

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Kein ganz neues Terrain: Schon 2003/04 entsteht das Werk „Strophes“ für Volkswagens Gläserne Manufaktur in Dresden. Und 2006 findet „Die Reise des G. Mastorna“ im Terminal 2 des Mozart-Flughafens Salzburg statt. Durch gigantische Panorama-Fenster lassen sich dort die tagesbetrieblichen Starts und Landungen betrachten, während das Publikum in aeroplaner Sitzformation Elias Klängen lauscht. Eine populistische Spielerei? Durchaus nicht, denn der Komponist deutet die Suche nach passender Örtlichkeit schlicht als Versuch, Inhalt und Form zur Deckung zu bringen.

Unterschiedliche Motivationen führten dazu, dass Komponisten und Regisseure in den letzten 150 Jahren dem traditionellen Konzert- oder Theatersaal den Rücken zuwandten. Eine Rolle spielte zumeist die Absicht, bis dato festgeschriebene Hierachien zu umgehen. Schon Wagners Bayreuther Festspielhaus ist in diesem Sinne eine Revolutionsarchitektur: Mit dem Betreten des Saals wird das Publikum frei, gleich und brüderlich. Es gibt keine Logen, keine guten und schlechten Plätze. Doch nicht nur in politischer, auch in klangästhetischer Hinsicht bekommt Wagners Musikdrama in Bayreuth einen passenden Raum: Der Orchestergraben verhindert jeglichen Direktschall, der Klang verliert durch vielfache Reflektion seine Transparenz, die Farben verschwimmen. Dies ist der richtige Aufführungsrahmen für eine ganz bestimmte Art Musik. Ihr Ziel ist die Überwältigung.

Es gibt zahlreiche Beispiele für Räume, die nach Maßgabe einer vorgängig festgelegten Klang- oder Inszenierungsästhetik gebaut wurden. Stockhausens „Kugelauditorium“ auf der Weltausstellung in Osaka 1972 zählt dazu, auch Renzo Pianos Holzentwurf für Luigi Nonos „Prometeo“. Doch wie verhält es sich mit Musik, die speziell für bestimmte Räume geschrieben wurde oder sich zumindest mit gegebenen örtlichen Verhältnissen beschäftigt?

Hierzu mag einem die Wendung „site-specific“ in den Sinn kommen. Sie entstand in der Bildenden Kunst, doch auch die Klangkunst hat sie inzwischen übernommen: Tönende Installationen wie die von Max Neuhaus oder Maryanne Amacher sollen den als sozial verödet wahrgenommenen öffentlichen Raum wieder zu einem Ort der Auseinandersetzung machen – wer im Vorbeigehen eine klangliche Irritation bemerkt, beginnt, die aktuelle Situation zu reflektieren. Klangkunst dient somit als Mittel zum Zweck, unsere selektive Alltagswahrnehmung zu weiten. Sie ist dabei grundsätzlich offen konzipiert: Der Klangkünstler unterbreitet ein unfertiges Angebot, das der Rezipient aufzunehmen und weiterzuverarbeiten hat.

Die Kompositionen von Marios Elia sind kein unfertiges Angebot. Sie sind bis ins kleinste Detail festgelegt. Auch begehen wir bei Elia nicht den frei zugänglichen öffentlichen Raum. Wer seine Spektakel erleben möchte, muss Eintritt zahlen – so, wie man erst einmal zur Kasse geht, bevor man einen Zirkus betritt oder in ein Karussel einsteigt. Allerdings tragen seine Arbeiten an Orten des öffentlichen Lebens durchaus Spuren einer Aneignung: So glanzvoll sich der jeweilige Schauplatz auch zeigen mag, er wird durch Elias Musik temporär annektiert – und auskomponiert: Bei der klanglichen Erforschung der Gläsernen Manufaktur fiel ihm ein seltsam nachhallender Sound auf, der entstand, wenn die Trompete ganz nah an einem Glasturm gespielt wurde. Gebaut, um teure Autos im richtigen Licht erscheinen zu lassen, instrumentalisiert Elias Partitur den Turm als Dämpfer.

Am Bauhaus in Dessau entwerfen Walter Gropius und Alexander Schawinsky in den 1920er Jahren sogenannte „Totaltheater“. Hier steht nicht die klangliche Dimension im Vordergrund, sondern die Organisation von Blickachsen: Um sich möglichst weit vom traditionellen Guckkasten abzusetzen, wird die Bühne in Teilplateaus zersplittert und auf verschiedene Höhenniveaus im Raum verteilt. Auch Laszlo Moholy-Nagys „Partiturskizze für eine mechanische Exzentrik“ von 1923 funktioniert als multiperspektivische Eventanlage. Noch nicht ganz klar ist zu dieser Zeit, womit sich eine solche Architektur eigentlich genau bespielen ließe. Eine zukünftige Kunstform erhält ihren Raum sozusagen avant la lettre. Immerhin einen Hinweis gibt Moholy-Nagy im Titel: Die „Exzentrik“ ist in ihrer Nebenbedeutung als abstrakte „Akrobatik“ gemeint – die Ereignisse sollen sich überschlagen, Licht, Bewegung und „sirenenartige Klänge“ sollen ein überwältigendes Gesamtbild ergeben.

Ob Wagner oder Bauhaus – der alternative Aufführungsort dient dem Spektakel. Elia befindet sich damit in einer langen Traditionslinie. Doch sein Weg beschreibt eine ganz eigene Abzweigung.

3. Geräuschgeschichten

„Tempus tantum nostrum est“ (2005): Diese Komposition bezieht zwei Motorräder ein. Die Modelle sind nicht verbindlich definiert. Zur Uraufführung fällt die Wahl auf ein Harley Davidson-Duett: Road King und VRSC Night Rod.

Marios Elia schreibt keine absolute Musik. Er erzählt Geschichten – manchmal explizite, dann wieder solche, die sich lediglich über die Gestik und Dramaturgie der Klänge andeutet. Geschichten sind immer erdacht. Sie haben etwas mit Zuspitzung einer Handlung zu tun. Man fokussiert, betont und lässt aus. Außerdem sind Geschichten wesenhaft oral, also klingend. Sie werden weitererzählt und tragen ein Moment von Kollektivität in sich. Die großen Geschichten haben keinen Autor, denn sie gehören uns allen. Zumindest sind sie nicht für einen kleinen Kreis reserviert.

Geräusche sind bei Elia Mittel zur Erzählung. Anders als bei Cage stehen sie nicht für sich genommen, sondern werden narrativ eingebunden. Anders als in Edgar Varèses „Ionisation“ stellt das Geräusch kein klangliches Extra dar, sondern bildet den Ausgangspunkt der Komposition. Und doch hat der junge, von den Futuristen beeinflusste Varèse seine Spuren bei Elia hinterlassen. Den gleichzeitigen Einsatz unterschiedlicher Tempoebenen beschrieb Varèse als „Projektion geometrischer Figuren auf die Fläche“ – in Elias ureigener Geräuschgeschichte sind es die Be- und Entschleunigungen während einer Autofahrt. 

Antonin Artaud, der Vielen als Vorreiter der Performance-Art gilt, forderte in den 1940er Jahren ein Spektakel von reiner Körperlichkeit. Nicht nur die Grenze zwischen Bühne und Publikum schien ihm dabei verzichtbar, auch die zwischen ästhetisch wertvollen Dingen und Handlungen auf der einen und den Gegenständen und Aktionen des Alltags auf der anderen Seite. Letzteren Entschluss bezeichnete der Kulturtheoretiker Boris Groys als das entscheidende Merkmal der Avantgarden des 20. Jahrhunderts: die sukzessive Eingemeindung des Profanen in das Reich der Kunst.

Profan sind Elias fein ziselierte Geräuschkulissen keinesfalls. Und doch kultiviert er mit ihnen ein Material, das noch vor einem Jahrhundert nicht kunstwürdig gewesen wäre.

4. Das Publikum 

„En plo“ (2007): Windmaschinen, Propeller, Segel, Anker, Dampfpfeife und bis zu 50 Lautsprecher helfen mit, den historisch belegten Untergang zweier Schiffe zu erzählen: eines antiken Handelsschiffs und des leichten Kreuzers „Elli“. In dem Moment, als das Schicksal zuschlägt, werden die Sitze des Publikums durch eine motorisierte Schüttelapparatur in Bewegung versetzt.

Elias Stücke stürzen sich auf den Rezipienten wie ein Blockbuster-Film. Dort geschieht die Annäherung zwischen Leinwand und Betrachter heute über den Sound. Seit der Erfindung von Dolby Surround sitzen wir im Klang. Monster und Meuchelmörder schleichen sich von hinten an, und wenn der Kinosaal etwas taugt, sind wir gelegentlich geneigt, uns sorgenvoll umzuschauen. Im ganz frühen Film des ausgehenden 19. Jahrhunderts brauchte es noch keinen Sound, um das Publikum aus dem Häuschen zu bringen: Als die Bilder laufen lernten, erschrak man vor einem in den Bahnhof einfahrenden Zug oder einem in Kamerarichtung abgefeuerten Revolver. 

Auch Elias Kompositionen haben etwas Filmisches. Auch in seine Klangerzählungen wird der ganze Körper mit einbezogen. Doch wie genau wirken sie auf das Publikum? Gerät es wirklich in Berührung mit zeitgenössischer Musik oder ist jene eher Untermalung – wie im Film, dessen prominente Verwendung von Dissonanzen bisher noch zu keiner größeren Toleranz im Konzertsaal geführt hat. Wer avantgardistische Scores erduldet, um sich emotional von einer Filmhandlung mitreißen zu lassen, erduldet noch lange keine Neue Musik in der Sonntagsmatinee.

5. Das Lachen

„Spiegel:eye“ (2006): Die Instrumentalisten haben allerhand ungewohnte Klangerzeuger zu bedienen, unter ihnen einen Basketball, einen Presslufthammer, eine Rute und eine Badewanne. Zur titelgebenden Krönung werden Eier in einen Metalleimer geworfen.

1960 tritt John Cage in der beliebten US-Vorabendshow „I’ve Got A Secret“ auf. Sein Geheimnis, das er dem Moderator ins Ohr flüstern darf: Er komponiert mit Radios, Pfeifen, Mixern, Eiswürfeln und Gummitieren (es geht um seine Komposition „Water Walk)“. Der Moderator fragt ihn, ob es in Ordnung sei, wenn das Publikum während der Aufführung lache. Cage erwidert leise: „I consider laughter preferable to tears“. In einem späten Interview von 1991 resümiert er frei nach Kant: „There are two things that don’t have to mean anything: one is music and the other is laughter.“ Er sagt es lachend.

Platon hatte im Sinn, das Lachen in seinem Idealstaat zu verbieten, Aristoteles hielt es dagegen für statthaft, die Betrachter und Zuhörer über ihre Affekte zu erreichen. Lachen bezieht ein Publikum mit in das Geschehen ein. Der Literaturwissenschaftler Michail M. Bachtin beschreibt 1940 unter dem Stichwort des „Karnevalesken“ ein Schauspiel ohne Rampe, das enthierarchisierend wirke, aber auch das kapitalistische Verwertungsinteresse bediene. Dadaistischer Spaß und Kapitalismuskritik, die freudige Lust an der Umwälzung, paaren sich in den 1960er Jahren im Situationismus und heute in dessen legitimer Nachfolge, der Kommunikationsguerilla.

 

 

Das Lachen spielt in Elias Musik eine bedeutende und befreiende Rolle. Denn auch ein halbes Jahrhundert nach John Cages Auftritt in der Fernsehshow bleibt es dabei: Alltagsgeräusche werden lustig gefunden. So zeigen uns die Videodokumente vom eingangs erwähnten Neujahrsempfang 2011 ein selig lächelndes Mannheimer Publikum, dass die Klangerschließung dreier Autos sichtlich genießt. Elia nimmt es nicht nur in Kauf, sondern strebt den Effekt geradewegs an. Der Zirkus, der Jahrmarkt, das frühe Kino – all dies sind Ereignisformen, die Elia in ihrer Ausstrahlung auf das Publikum faszinieren. Dort werden Sensationen zur Schau gestellt, es wird Applaus eingeheimst, allein: Um Kunst geht es in den genannten Gattungen ganz dezidiert nicht. Bei Elia schon. In seinen Spektakeln wird die Kunst quasi kostenlos mitgeliefert, dem Konsumenten sogar als etwas Nicht-Bestelltes untergejubelt.

Somit haben wir es in seinen Stücken mit einer ganz besonderen Form von Audio-Suggestion zu tun: Man verkauft uns kein Produkt, sondern die Bildung unserer Synapsen. Die geschickt versteckte Botschaft lautet: Hör ganz genau hin, hier gibt es etwas zu entdecken!

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